Inklusiver Campus Duderstadt

Der Inklusive Campus in der Duderstädter Altstadt wurde Ende 2020 eröffnet. Mit Mitteln des Investitionspaktes wurde das Gebäude einer ehemaligen Schule, das andernfalls leer gestanden hätte, einer neuen Nutzung zugeführt. Der Inklusive Campus bündelt sozio-integrative Angebote für diverse Zielgruppen an einem Standort. Diese sind untereinander vernetzt und komplett barrierefrei erreichbar. Das Kernangebot sind eine Krippe, eine Kindertagesstätte mit integrierter heilpädagogischer Kita, ein Hort, ein Familienzentrum und eine Frühförderung mit Beratungsangeboten. Der Campus stellt einen wichtigen Baustein im Bildungsnetzwerk Duderstadt dar und trägt zur familienfreundlichen und barrierefreien Gestaltung der Stadt bei.

Mit den Mitteln des Investitionspaktes wurden bauliche Maßnahmen im Bereich der Kindertagesstätte einschließlich der heilpädagogischen Kita, des Horts und der Frühförderung unterstützt. Zum Inklusiven Campus gehört zudem ein Familienzentrum, welches jedoch mit anderen Mitteln umgesetzt wurde. Bei der Planung und den Bauarbeiten bestand eine intensive, beteiligungsorientierte Zusammenarbeit zwischen den Trägern bzw. Nutzerinnen und Nutzern, Fachämtern, Planern, Fördermittelgebern und weiteren Akteurinnen und Akteuren.

  • Ausgangssituation

    Duderstadt ist mit rund 20.000 Einwohnerinnen und Einwohnern ein Mittelzentrum im Landkreis Göttingen in Niedersachsen. Der mittelalterliche Altstadtkern ist geprägt von Fachwerkhäusern und kleinen Gassen. Von der Wallanlage, den Toren und Türmen ist ein Großteil bis heute erhalten. Innerhalb des Walls und nahe der historischen Kernstadt befindet sich der Standort des Inklusiven Campus. In der direkten Umgebung befinden sich weitere Schul- und Bildungsstandorte.

    Duderstadt verfolgt bereits seit 2005 die Entwicklung zu einer besonders familien-, kinder- und behindertenfreundlichen und möglichst barrierefreien Stadt. Dadurch soll die Stadt attraktiver für Familien werden und somit dem kontinuierlichen Bevölkerungsverlust und deren Alterung entgegenwirken. Ein weiteres Entwicklungsziel ist die Stärkung der Innenstadt. Dazu gehören die Vermeidung von Leerstand und der Erhalt der historischen Bausubstanz.

    In den vergangenen Jahren zeichnete sich ein erhöhter Bedarf an Betreuungsplätzen im Kindergartenbereich ab. Die Räumlichkeiten der ehemaligen Kita St. Klaus waren nicht mehr ausreichend und das Gebäude sanierungsbedürftig. Zudem wiesen Räumlichkeiten der Heilpädagogischen Tagesstätte St. Raphael ebenfalls bauliche Mängel auf. Somit ergab sich für beide Einrichtungen ein Handlungsdruck, die baulichen Missstände zu beheben oder neue Räumlichkeiten zu finden. Die Idee, beide Einrichtungen räumlich und konzeptionell miteinander zu verbinden, war ebenfalls seit einigen Jahren immer wieder Thema gewesen.

    2018 wurden die Klassen der Förderschule, die zuvor an dem heutigen Standort des Inklusiven Campus untergebracht war, auf Grund- und Sekundarschulen mit fortan inklusiver Betreuung aufgeteilt. Der in Teilen denkmalgeschützte Gebäudekomplex drohte zunächst leer zu stehen. Eine neue Nutzung war durch die Festsetzungen im Flächennutzungsplan eingeschränkt und nur als Gemeinbedarfsfläche bzw. Schule möglich.

    Parallel zu diesen Entwicklungen wurden Absichten, einen Inklusiven Campus umzusetzen, gemeinschaftlich zu konkreten Konzepten entwickelt. Die Finanzierung jedoch gestaltete sich als große Herausforderung. Ohne die Unterstützung durch verschiedene Förderprogramme und Abstimmungsbereitschaft der Fördermittelgeber hätte der Campus nicht realisiert werden können. Mit Mitteln des Investitionspaktes war die Finanzierung schlussendlich gesichert und die Maßnahme konnte umgesetzt werden.

    Städtebauförderung außerhalb
    Lage in der Stadt Zentrale Lage in der Altstadt
    Gebietstyp nach Baualter ab 16. Jahrhundert
    Gebietstyp nach Nutzung Gemischte Nutzung (Bildung, Wohnen, Kirche)
  • Maßnahme

    Die Einrichtungen des Inklusiven Campus sind einem Gebäudekomplex untergebracht, der aus drei Gebäudeteilen besteht (vgl. Lageplan). Im Altbau aus dem Ende des 19. Jahrhunderts (Bauteil A) befinden sich heute Büro-, Sitzungs- und Beratungsräume und der Hort. Das in den 1990er Jahren errichtete Verbindungsgebäude (Bauteil B) beherbergt heute das Familienzentrum. Hier sind auch die Räume der Frühförderung und ein Mehrzweckraum, der von allen Einrichtungen genutzt werden kann, verortet. Im alten Unterrichtsgebäude (Bauteil C) sind die im Erdgeschoss die Krippe und im ersten und zweiten Stock die Kita untergebracht. Im Sinne der Inklusion teilen sich jeweils eine Gruppe der heilpädagogischen Kita und eine Gruppe ohne besonderen Förderbedarf Gang, Sanitärbereiche und Differenzierungs- und Spielräume. Sowohl die Krippe als auch die Kita haben einen eigenen Garten.

    Für die Nutzung als inklusive Kindertagesstätte musste das denkmalgeschützte Schulgebäude umfassend umgebaut werden. Zu diesem Zweck wurden Grundrisse verändert und bodentiefe Fenster und angemessene Sanitäranlagen eingebaut. In den Gruppenräumen wurden maßgeschneiderte Hochebenen aus Holz zum Spielen, Klettern und Verstecken errichtet. Das ehemalige innenliegende Treppenhaus wurde entfernt und neue Begegnungs- und Spielräume geschaffen.

    Auf dem gesamten Campus und Außengelände wurde eine erweiterte Barrierefreiheit hergestellt. Dies schließt Barrierefreiheit für Menschen mit Lern- und Sehbeeinträchtigungen sowie geringen Deutschkenntnissen ein. Weitere bauliche Maßnahmen beinhalten Brandschutz, Modernisierung der Technik und der Einbau von Akustikdecken und neuen Bodenbelägen.

    Das Kita-Außengelände wurde im Zuge der Baumaßnahmen neugestaltet und mit kindgerechten und naturnahen Spielgeräten ausgestattet. Außerdem konnten ein Insektenhotel, Hochbeete und Vogelnisthäuser realisiert werden. Nach Fertigstellung des Campus wurde der Parkplatz neu angelegt. Mit Anwohnerinnen und Anwohnern wurde ein neues Parkleitsystem entwickelt, um den verstärkten Hol- und Bringverkehr zu lenken.

    Investitionspakt Soziale Integration im Quartier

    Inklusiver Campus Duderstadt

    Programmjahr 2018
    Durchführungszeitraum August 2018 - September 2020
    Kosten und Finanzierung Gesamtkosten ungefähr 6,13 Mio. € (finanziert u.a. durch Landkreis Göttingen, Richtlinie über die Gewährung von Zuwendungen für den Ausbau der Tagesbetreuung für Kinder unter drei Jahren „RAT“, Zuwendungen zur integrierten ländlichen Entwicklung „ZILE“, Aktion Mensch, Stadt Duderstadt und Investitionspakt „Soziale Integration im Quartier“)
    Bundesanteil Investitionspakt „Soziale Integration im Quartier“: 1.383.000 €
    Projektträger Caritasverband Südniedersachsen e.V.
    Ansprechperson Isabel Lubojanski (Leitung Geschäftsbereich Familienunterstützende Dienste, Caritasverband Südniedersachsen e.V.)
    Bettina Steinmetz (Fachbereichsleiterin Zentrale Verwaltung, Bildung, Soziales, Stadt Duderstadt)
  • Konzeption und Umsetzung

    Aus der Diskussion zwischen Bürgermeister und Caritas von Bedarfen an mehr Kitaplätzen und baulichen Defiziten der bestehenden Kindergärten entwickelten sich bereits 2012 die ersten Ideen für den Inklusiven Campus. Die Konzeptentwicklung war einen jahrelangen Prozess der Verwaltung, des Caritasverbands, der lokalen Schulleitungen, der Einrichtungsleitungen, dem Sozialdezernenten des Landkreises, der katholischen Kirche und weiteren Akteuren. Insgesamt waren 18 Expertinnen und Experten regelmäßig in die Arbeitsgruppe der Projektentwicklung eingebunden.

    Insbesondere die Kombination unterschiedlicher Förderungen erforderte einen hohen Organisationsaufwand, da Förderfähigkeit, Zuschnitte, Mehrfachnutzung und Zusagen miteinander abgestimmt werden mussten. Neben den Eigenanteilen der Stadt Duderstadt und des Caritasverbands (circa 2,8 Millionen Euro) flossen Beiträge von unterschiedlichen Fördermittelgebern ein, darunter „RAT“ (Richtlinie über die Gewährung von Zuwendungen für den Ausbau der Tagesbetreuung für Kinder unter drei Jahren - 360.000 Euro), „ZILE“ (Zuwendungen zur integrierten ländlichen Entwicklung – 340.000 Euro), Landkreis Göttingen (200.000 Euro), Aktion Mensch (rd. 170.000 Euro). Die Gesamtkosten belaufen sich auf knapp über 6,13 Mio. Euro, davon Bund- und Landesmittel Investitionspakt 1,66 Mio. Euro. Kostensteigerungen entstanden u. a. durch benötigte Altlastensanierung sowie archäologische Untersuchungen.

    Mithilfe von Facharchitekten und (heil-)pädagogischen Fachkräften wurde ein inklusives und barrierefreies Raumkonzept geschaffen. Die einzelnen Schritte wie z. B. Erstellung von Gutachten, Einholen von Finanzierungsoptionen und Ankauf der Pestalozzi-Schule durch den Caritasverband wurden regelmäßig im Stadtrat beschlossen.

    Nachdem der Schulbetrieb eingestellt war, wurde der Gebäudekomplex zunächst im Jahr 2018 durch den Caritasverband Südniedersachsen erworben. Spatenstich war im August 2019. Von 2019 bis 2020 wurde ein Integrationsmanagement (finanziert durch den Investitionspakt) mit halber Stelle eingerichtet, um die Maßnahme bis zum Bezug zu begleiten. Aufgaben waren unter anderem die Planung und Koordination der Zusammenarbeit der beteiligten Akteure, Öffentlichkeitsarbeit, Aufbau von Netzwerkstrukturen und Schnittstellen, und die Unterstützung der Einrichtungen beim Aufbau sozialraumorientierter Angebote. Erfolgsfaktoren bei der Prozessentwicklung waren nach Ansicht der Beteiligten folgende: die Beauftragung einer externen Begleitung, das Einräumen von ausreichend Zeit, die Entwicklung einer gemeinsamen Vision, das Abstimmen von Rechtsgebieten und Zuständigkeiten sowie das Berücksichtigen von Kompetenzen und etwaigen Vorbehalten des Personals der unterschiedlichen Einrichtungen. Im September 2020 wurde der Campus von den Einrichtungen bezogen. Einige Zeit später wurde das Außengelände mit Spielplätzen und Pflanzungen fertiggestellt. Heute befinden sich für die Kinderbetreuung 176 Plätze auf dem Campus, welche von 37 Mitarbeitenden betreut werden.

    Da die Einrichtungen an einem Ort vereint sind, haben sie eine deutlich erhöhte Strahlkraft. Im Zusammenspiel mit dem Familienzentrum und weiteren sozio-integrativen Angeboten bilden Krippe und Kita den Inklusiven Campus. An diesem neuen Standort des Familienzentrums konnten Angebote, Öffnungszeit, Zielgruppen und Kooperationen deutlich erweitert werden. Die Angebote und Projekte sind kostenfrei und ohne Anmeldung nutzbar; so wird Niedrigschwelligkeit und Zugang für Familien mit verschiedensten sozioökonomischen Hintergründen sichergestellt. Angebote, die auch vom ehrenamtlichen Engagement leben, sind zum Beispiel ein Elterncafé, ein Frühstücktreff für Geflüchtete, ein offenes Nähcafé, ein generationenübergreifender Mitmach-Chor und eine Hausaufgabenhilfe.

    Es sind bereits jetzt Auswirkungen der Maßnahme auf die Stadt zu erkennen. Der Inklusive Campus trägt zur städtebaulichen Aufwertung des Umfelds bei. Durch die zentrale Lage macht er Menschen mit besonderen Bedürfnissen für die Gesellschaft sichtbar. Die Angebote schaffen eine regionale Reichweite und sichern pädagogische Arbeitsplätze. Der Inklusive Campus arbeitet eng mit Geschäften der Stadt zusammen und gemeinsam entwickeln sie Projekte. In seiner „Leuchtturmfunktion“ treibt er Inklusion in Duderstadt voran und ist ein Erfolgsbeispiel für andere Gemeinden mit ähnlichen Herausforderungen. 2021 wurde er mit dem Innovationspreis des Landkreises Göttingen ausgezeichnet. Dieser Sonderpreis „Integration und Soziales“ zeichnet nicht nur das hervorragend funktionierende Konzept des Campus aus, sondern auch die „Menschen, die es leben“.

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